Fallbeispiel · 1990 bis 2026

Intel und ARM: eine Abwehr von unten und ein neuer Angriff

Ob Intel disruptiert wurde, hängt nach unserer Einordnung vom Markt ab: Bei Billig-PCs wehrte Intel 1998 den Angriff von unten mit dem Celeron ab, nach eigenem Geschäftsbericht verspätet. Gegen ARM-Chips gelang das nicht überall: Im Mac ersetzte Apple ab 2020 Intels Prozessoren durch eigene Chips mit ARM-Architektur, bei Servern ist der Ausgang offen. Intel ist dabei ein Etablierter, der Christensens Theorie vom Autor selbst hörte; zu ARM hat Christensen sich nicht geäußert.

Verlauf

Zeitleiste

  1. 1990

    Im November wird Arm als Joint Venture von Acorn, Apple und VLSI Technology gegründet.

    Quelle: Arm, offizielle Firmengeschichte

  2. 1993

    Apples Newton läuft auf der Arm-Architektur und wird kein Erfolg. Arm stellt danach auf Lizenzen um.

    Quelle: Arm, offizielle Firmengeschichte

  3. 1997

    Im September spricht Christensen vor Intel-Managern, drei Monate nach Erscheinen seines Buchs.

    Quelle: Forbes 1999

  4. 1998

    Am 15. April bringt Intel den ersten Celeron: 266 MHz, 155 Dollar bei Abnahme von 1.000 Stück.

    Quelle: Intel-Pressemitteilung 1998 (Archivkopie)

  5. 1998

    Am 9. August spricht Grove in San Diego von „Segment Zero“ und vom „Christensen Effect“.

    Quelle: Intel, Transkript der Rede (Archivkopie)

  6. 1998

    Zum Jahresende ist der Celeron der PC-Prozessor mit der zweithöchsten Stückzahl, hinter dem Pentium II.

    Quelle: Intel-Geschäftsbericht 1998 (Archivkopie)

  7. 2018

    Am 26. November stellt AWS Server-Instanzen mit eigenen ARM-Chips vor.

    Quelle: AWS, What’s New

  8. 2020

    Am 22. Juni kündigt Apple den Wechsel des Mac auf eigene Chips an, am 10. November folgt der M1.

    Quelle: Apple Newsroom

  9. 2020

    Am 11. November erklärt James Allworth Intels Disruption für vollzogen.

    Quelle: Allworth 2020 (Archivkopie)

  10. 2026

    Im März stellt Arm nach eigener Angabe sein erstes eigenes Serien-Silizium vor.

    Quelle: Arm, offizielle Firmengeschichte

Kurzurteil: ein Etablierter, der die Theorie kannte

Keine der gelesenen Quellen wendet die Kriterien von 2015 auf den Celeron oder auf ARM an. Christensen erzählt den Celeron als gelungene Anwendung seiner Theorie der disruptiven Innovation, zu ARM hat er sich nicht geäußert. „Je nach Markt“ ist deshalb eine Einordnung von disruptiv.info: Billig-PCs abgewehrt, Mac vollzogen laut Allworth, Server offen.

Betonstahl für Intel

2010 schrieb Christensen in der Harvard Business Review, noch vor seinem Buch „The Innovator’s Dilemma“ habe ihn Andrew Grove angerufen, damals Chairman von Intel. Christensen erzählte Groves Leuten von Nucor und den Ministahlwerken, die am untersten Ende des Stahlmarkts mit Betonstahl (rebar) begonnen hatten:[1]

“When I finished the minimill story, Grove said, ‘OK, I get it. What it means for Intel is…,’ and then went on to articulate what would become the company’s strategy for going to the bottom of the market to launch the Celeron processor.”

„Als ich mit der Geschichte der Ministahlwerke fertig war, sagte Grove: ‚Okay, ich hab’s verstanden. Für Intel heißt das …‘, und dann formulierte er, was zu Intels Strategie werden sollte: an das untere Ende des Markts zu gehen und den Celeron-Prozessor herauszubringen.“Übersetzung: disruptiv.info

Clayton M. Christensen: How Will You Measure Your Life?, Harvard Business Review, Juli/August 2010

In Wired nannte er 2013 die Angreifer, „Cyrix and AMD, making cheap, low-performance chips“,[2] im Boston Globe schrieb er 2015, Grove sehe in seiner Forschung „the main impetus“ für den Celeron.[3] Beides ist Christensens Erinnerung (mehr unter Clayton Christensen). Zeitnah ist Forbes vom Januar 1999: Christensen sprach im September 1997 vor Intel-Managern, drei Monate nach Erscheinen des Buchs; wann der Anruf war, ist offen. Grove erinnerte sich an die Folie: „It is our rebar.“ Laut Forbes hatte er Intel aber schon vorher auf das bis dahin verschmähte Segment auszurichten begonnen.[4]

„Segment Zero“: der Billig-PC aus Intels Sicht

Am 9. August 1998 sprach Grove in San Diego vor der Academy of Management über die günstigen PCs, die Intel „Segment Zero“ nannte: „It is small. It is obsolete. It is bottom fishing. It is our rebar.“ Klein, veraltet, Fischen am Grund, unser Betonstahl.[5]

Im US-Einzelhandel sei das Segment inzwischen auf 20 Prozent gewachsen, sagte Grove.[5] Im Brief an die Aktionäre für 1998, mitunterzeichnet von Grove, räumt Intel ein, von der steigenden Nachfrage nach günstigen PCs überrumpelt worden zu sein („caught off guard“):[6]

“We were late in recognizing the emergence of this value PC market segment—and the competition took advantage of our delay.”

„Wir haben zu spät erkannt, dass hier ein Marktsegment für preiswerte PCs entstand, und die Konkurrenz hat unsere Verzögerung genutzt.“Übersetzung: disruptiv.info

Intel Corporation: Geschäftsbericht 1998, Brief an die Aktionäre (Archivkopie)

Intel verlor Marktanteile im US-Einzelhandel, der laut demselben Brief etwa 10 % des weltweiten PC-Markts ausmachte.[6]

Die Antwort: der Celeron

Zuerst kämpfte Intel über den Preis, so Grove 1998. Dann setzte die Firma in einem Quartal 650 Ingenieure auf eine Prozessor-Roadmap für Segment Zero und stellte „a dedicated team“ für das Segment ab.[5]

Am 15. April 1998 kam der erste Celeron mit 266 MHz, am selben Tag wie zwei schnellere Pentium II. Bei Abnahme von 1.000 Stück kostete er 155 Dollar, die Pentium II 621 und 824 Dollar.[7] Laut Forbes hatte der Celeron im Januar 1999 35 % des Billig-PC-Markts.[4]

Erzählt wird

Der Celeron wurde Intels meistverkauftes Produkt („the highest-volume product in the company“, Christensen 2013).

Belegt ist

Ende 1998 war er laut Intel die Nummer zwei nach Stückzahl, hinter dem Pentium II.[6] Spätere Jahre sind nicht geprüft.

Eigene Einheit oder nicht?

Christensen riet Etablierten 1995 zu einer unabhängigen Organisation für das disruptive Geschäft, nötig nur bei geringeren Margen und neuen Kunden[8] (mehr unter Etablierte Unternehmen). In Wired klingt es, als habe Intel genau das getan:[2]

“Grove says, ‘What you're telling me, Clay, is that we have to go down and kill them, set up our own business unit, and launch our own low-end competitor.’ I didn't say anything.”

„Grove sagt: ‚Was Sie mir sagen, Clay, ist, dass wir nach unten gehen und sie erledigen müssen, eine eigene Geschäftseinheit gründen und unseren eigenen Billig-Konkurrenten herausbringen.‘ Ich sagte nichts.“Übersetzung: disruptiv.info

Clayton M. Christensen im Interview mit Jeff Howe, Wired, Februar 2013

Das sind Groves Worte in Christensens Wiedergabe, kein Bericht darüber, was Intel tat. Belegt ist ein eigenes Team (Grove 1998). Im Geschäftsbericht gehört der Celeron zur Intel Architecture Business Group, wie der Pentium II,[6] und in der Mitteilung zur Einführung spricht Paul Otellini als Executive Vice President dieser Gruppe.[7] Ob es eine eigene Einheit im Sinn von 1995 gab, lässt sich mit den gelesenen Quellen nicht entscheiden.

Was der Celeron über die Theorie sagt

Nach der Beschreibung von 2015 reagieren Etablierte auf einen Angriff von unten meist nicht energisch („tend not to respond vigorously“).[9] Intel tat das Gegenteil. Damit fehlt genau der Schritt, an dem nach Christensen etwa die Etablierten der Festplattenbranche scheiterten. Laut Christensen Institute (Ojomo, 2021) half die Theorie Intel, AMD abzuwehren („helped Intel fend off“);[10] rechtzeitig war das nach Intels eigenem Bericht nicht. Und Intel zerschlug nichts, es stellte einen billigen Prozessor neben die teuren, im Sinn der Warnung von 2015 vor „Disrupt or be disrupted“.[9]

ARM: der Angriff, den Intel nicht abwehrte

Der zweite Angriff kam mit einem anderen Geschäftsmodell. Arm, im November 1990 als Joint Venture von Acorn Computers, Apple und VLSI Technology gegründet, stellte nach dem Misserfolg von Apples Newton (1993) auf Lizenzen um: eine Gebühr vorab, dann Abgaben je produziertem Chip.[11] Laut Arm (Stand März 2026) beruhen mehr als 99 % der Smartphones auf Arm-Technik. Seit März 2026 bietet Arm nach eigener Angabe auch eigene Chips an, die „Arm AGI CPU“.[11]

Beim iPhone kam Intel nicht zum Zug. Apple wollte für einen Chip einen festen Preis zahlen, „not a nickel more“, und der lag unter Intels Kostenprognose, sagte Paul Otellini 2013 in seinem letzten Monat bei Intel:[12]

“And in hindsight, the forecasted cost was wrong and the volume was 100x what anyone thought.”

„Und im Rückblick war die Kostenprognose falsch, und die Stückzahl war hundertmal so groß, wie irgendjemand gedacht hatte.“Übersetzung: disruptiv.info

Paul Otellini im Gespräch mit Alexis C. Madrigal, The Atlantic, 16. Mai 2013 (Archivkopie)

So verhält sich ein Etablierter laut Theorie: „going upmarket rather than going down“.[8] Mehr unter iPhone und Was das Smartphone verdrängt hat.

2020 begann der Wechsel im Mac. Apple kündigte im Juni an, ihn in etwa zwei Jahren auf eigene Chips umzustellen,[13] im November folgte der M1, laut Apple mit der „world’s best CPU performance per watt“, gemessen in eigenen Tests.[14] Arm nennen die Mitteilungen nicht; die Architektur heißt laut Apples Entwicklersitzung arm64.[15] Einen Tag nach dem M1 erklärte James Allworth, Mitautor Christensens und nach eigener Angabe Fellow an dessen Thinktank, Intels Disruption für vollzogen:[16]

“Unlike the last time the two lines intersected in the personal computer market, Intel is not the one doing the disrupting.”

„Anders als beim letzten Mal, als sich die beiden Linien im PC-Markt kreuzten, ist diesmal nicht Intel der Disruptor.“Übersetzung: disruptiv.info

James Allworth: Intel’s Disruption is Now Complete, 11. November 2020 (Archivkopie)

„Complete“ meint den Mac. Zwei Einwände bleiben: Die Definition von 2015 nennt als Angreifer „a smaller company with fewer resources“, das ist Apple nicht. Und vollzogen ist Disruption erst, wenn Mainstream-Kunden das neue Angebot in großer Zahl übernehmen;[9] im Mac hat ein einzelner Kunde, Apple, den Lieferanten gewechselt.

Server: offen

Bei Servern sind ARM-Chips angekommen, wie weit, ist nicht belegt. Amazon Web Services stellte am 26. November 2018 Instanzen mit eigenen Graviton-Prozessoren vor, mit 64-Bit-Kernen von Arm.[17] Allworth erwartet, dass ARM-Chips in „Intel’s last refuge“ vordringen, Intels letzte Zuflucht, das Servergeschäft.[16] Auch dort ist der Angreifer ein Großkonzern.

Erzählt wird

Nach Christensen ist ARM ein klassischer Disruptor (so oder ähnlich in Blogs).

Belegt ist

Christensen hat sich zu ARM nicht geäußert, er starb am 23. Januar 2020, vor dem M1. Auch von seinem Institut ist keine Äußerung zu ARM bekannt.[18] Allworth ist ein Mitautor Christensens, nicht Christensen.

Warum „je nach Markt“

Intel und ARM nach den Kriterien von 2015 (Zuordnung: disruptiv.info)
PrüffrageBillig-PCs 1997/98ARM gegen Intel
V1: Wer greift an?Cyrix und AMD (laut Christensen)Arm mit großen Lizenznehmern wie Apple und AWS
F1, F2: Einstieg unten oder bei Nichtkunden?Unten, mit billigen ChipsAußerhalb des PCs; ob bei Nichtkunden, ist offen
Q1, Q2: anfangs unterlegen, anderer Vorteil?Ja, PreisLaut Allworth anfangs nichts Besonderes; Leistung je Watt (Apple)
Q3: wenig Anreiz zur Gegenwehr?Nein: Preiskampf, CeleronJa: Apples Preis für den iPhone-Chip lag unter Intels Kostenprognose
Q4: anderes Geschäftsmodell?Nicht geprüftJa: Lizenzen statt Chips, bis 2026
P1, P2: wechseln die Hauptkunden?Nicht belegtMac: laut Allworth ja, aber ein einzelner Kunde. Server: offen

Daraus folgt „je nach Markt“, als Einordnung von disruptiv.info; ein Urteil von Christensen gibt es für keinen dieser Märkte. Eigene Fälle prüft der Disruptions-Check.

Quellen

  1. Clayton M. Christensen: „How Will You Measure Your Life?“, Harvard Business Review, Juli/August 2010. https://hbr.org/2010/07/how-will-you-measure-your-life
  2. Jeff Howe: Interview mit Clayton M. Christensen, Wired, 12.02.2013. https://www.wired.com/2013/02/mf-clayton-christensen-wants-to-transform-capitalism/
  3. Clayton M. Christensen im schriftlichen Interview, The Boston Globe, Oktober 2015. https://www.bostonglobe.com/business/2015/10/24/clay-christensen-explains-defends-disruptive-innovation/fmYOKIJXOSPPMquj8HQM1O/story.html
  4. Toni Mack: „Danger: Stealth attack“, Forbes, 25.01.1999. https://www.forbes.com/forbes/1999/0125/6302088a.html
  5. Andrew S. Grove: Keynote, Academy of Management, Annual Meeting, San Diego, 09.08.1998, Transkript im Intel-Pressearchiv. Original: https://www.intel.com/pressroom/archive/speeches/ag080998.htm, gelesen als Archivkopie: https://web.archive.org/web/20110309193833/http://www.intel.com/pressroom/archive/speeches/ag080998.htm
  6. Intel Corporation: Geschäftsbericht 1998, Brief an die Aktionäre und Geschäftsbereiche. Original: https://www.intel.com/content/dam/doc/report/history-1998-annual-report.pdf, gelesen als Archivkopie: https://web.archive.org/web/20220322122615/https://www.intel.com/content/dam/doc/report/history-1998-annual-report.pdf
  7. Intel Corporation: Pressemitteilung vom 15.04.1998 zu Pentium II mit 350 und 400 MHz und dem ersten Celeron. Original: https://www.intel.com/pressroom/archive/releases/1998/dp041598.htm, gelesen als Archivkopie: https://web.archive.org/web/20200412132348/https://www.intel.com/pressroom/archive/releases/1998/dp041598.htm
  8. Joseph L. Bower, Clayton M. Christensen: „Disruptive Technologies: Catching the Wave“, Harvard Business Review, Januar/Februar 1995. https://hbr.org/1995/01/disruptive-technologies-catching-the-wave
  9. Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: „What Is Disruptive Innovation?“, Harvard Business Review, Dezember 2015. https://hbr.org/2015/12/what-is-disruptive-innovation
  10. Efosa Ojomo: „The supreme importance of innovation theories“, Clayton Christensen Institute, 09.09.2021. https://www.christenseninstitute.org/blog/the-supreme-importance-of-innovation-theories/
  11. Arm Editorial Team: „The official history of Arm“, Arm Newsroom, 24.03.2026. https://newsroom.arm.com/blog/arm-official-history
  12. Alexis C. Madrigal: „Paul Otellini’s Intel: Can the Company That Built the Future Survive It?“, The Atlantic, 16.05.2013. Original: https://www.theatlantic.com/technology/archive/2013/05/paul-otellinis-intel-can-the-company-that-built-the-future-survive-it/275825/, gelesen als Archivkopie: https://web.archive.org/web/20141229075017/http://www.theatlantic.com/technology/archive/2013/05/paul-otellinis-intel-can-the-company-that-built-the-future-survive-it/275825/
  13. Apple: Pressemitteilung vom 22.06.2020 zum Wechsel des Mac auf Apple Silicon. https://www.apple.com/newsroom/2020/06/apple-announces-mac-transition-to-apple-silicon/
  14. Apple: Pressemitteilung vom 10.11.2020 zum M1. https://www.apple.com/newsroom/2020/11/apple-unleashes-m1/
  15. Apple: „Port your Mac app to Apple silicon“, Sitzung der WWDC20, Transkript auf Apples Entwicklerseite. https://developer.apple.com/videos/play/wwdc2020/10214/
  16. James Allworth: „Intel’s Disruption is Now Complete“, 11.11.2020. Original: https://jamesallworth.medium.com/intels-disruption-is-now-complete-d4fa771f0f2c, gelesen als Archivkopie: https://web.archive.org/web/20211130175608/https://jamesallworth.medium.com/intels-disruption-is-now-complete-d4fa771f0f2c
  17. Amazon Web Services: „Introducing Amazon EC2 A1 Instances Powered By New Arm-based AWS Graviton Processors“, What’s New, 26.11.2018. https://aws.amazon.com/about-aws/whats-new/2018/11/introducing-amazon-ec2-a1-instances/
  18. Harvard Business School: Pressemitteilung zum Tod von Clayton M. Christensen, Januar 2020. https://www.hbs.edu/news/releases/Pages/clayton-christensen-obituary.aspx