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Clayton M. Christensen: Werk und Wirkung

Clayton M. Christensen (1952–2020) war Professor an der Harvard Business School und entwickelte die Theorie der disruptiven Innovation: 1993 in einem Fachaufsatz über Festplatten, 1995 in der Harvard Business Review, 1997 im Buch „The Innovator’s Dilemma“. Später arbeitete er zu Jobs to be done und zur marktschaffenden Innovation.

Die Harvard Business School nannte ihn im Nachruf „the world’s foremost authority on disruptive innovation“, die weltweit führende Autorität auf diesem Gebiet.[1] Diese Seite trennt sein Werk von dem, was ihm nur zugeschrieben wird.

Leben und Laufbahn

Christensen wurde 1952 in Salt Lake City (Utah) geboren, so Innosight und Thinkers50[2][3]; den 6. April nennt Wikipedia.[4] Von 1971 bis 1973 war er Missionar der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Südkorea. Er studierte Volkswirtschaft an der Brigham Young University (B.A. 1975), als Rhodes-Stipendiat angewandte Ökonometrie in Oxford (M.Phil. 1977) und machte 1979 an der Harvard Business School (HBS) den MBA.[1]

Die Wissenschaft war laut seinem Sohn Matt seine dritte Laufbahn, nach der Strategieberatung und der Leitung eines Start-ups.[1] Laut Innosight war er 1982 und 1983 White House Fellow und gründete 1984 mit drei MIT-Professoren die Firma CPS Technologies.[2] 1992 wurde er an der HBS bei Kim B. Clark promoviert (DBA) und trat in die Fakultät ein. 1998 erhielt er eine Dauerstelle (tenure), 2001 einen Lehrstuhl, zuletzt den Kim-B.-Clark-Lehrstuhl für Betriebswirtschaft.[1] Er starb am 23. Januar 2020 mit 67 Jahren[1], laut Boston.com an Komplikationen einer Leukämiebehandlung.[5]

Wie die Theorie entstand

Am Anfang stand die Festplattenindustrie, Thema seiner Doktorarbeit von 1992 („The Innovator’s Challenge“, so Christensens eigene Fußnote; gelesen haben wir sie nicht).[6] Im Winter 1993 folgte im Business History Review der Aufsatz „The Rigid Disk Drive Industry“. Ein Abschnitt heißt dort schon „Sustaining vs. Disruptive Technological Change“, erhaltender gegen disruptiven technischen Wandel. Der Kernbefund:

“Rather, it seems that these firms failed because they listened too attentively to their established customers and ignored new product architectures whose initial appeal was in remote markets.”

„Vielmehr scheinen diese Firmen gescheitert zu sein, weil sie ihren etablierten Kunden zu aufmerksam zuhörten und neue Produktarchitekturen übersahen, die anfangs in entlegenen Märkten Anklang fanden.“Übersetzung: disruptiv.info

Clayton M. Christensen: The Rigid Disk Drive Industry: A History of Commercial and Technological Turbulence, Business History Review 67, Winter 1993

Für ein breites Publikum stellte er das Konzept 1995 mit Joseph L. Bower in der Harvard Business Review vor: „Disruptive Technologies: Catching the Wave“.[7] 1997 folgte das Buch, laut HBS ein Bestseller der New York Times.[1] Was es behauptet, steht unter The Innovator’s Dilemma, den Fall dahinter erzählt die Seite Festplatten.

Danach baute Christensen die Theorie selbst um. Laut seinem Rückblick mit drei Koautoren von 2018 erweiterte er in „The Innovator’s Solution“ (2003, mit Michael E. Raynor) „disruptive technologies“ zu „disruptive innovations“, um Geschäftsmodelle zu erfassen, die anfangs nicht zur Theorie gehörten (mehr unter Disruptive Geschäftsmodelle).[8] 2015 legten Christensen, Raynor und Rory McDonald in der HBR die Fassung vor, auf die sich diese Site stützt; Erfolg gehört dort ausdrücklich nicht zur Definition.[9] Die Wortgeschichte steht unter Disruptive Innovation.

Die Bücher

Innosight zählt zehn Bücher[2], dazu kommt ein Mini-Buch seines Instituts. Gelesen haben wir keines, hier stehen nur bibliografische Angaben (Lesestand aller Quellen unter Quellen).

Bücher von Clayton M. Christensen
JahrTitelKoautoren
1997The Innovator’s Dilemma: When New Technologies Cause Great Firms to Failallein
2003The Innovator’s Solution: Creating and Sustaining Successful GrowthMichael E. Raynor
2004Seeing What’s Next: Using the Theories of Innovation to Predict Industry ChangeScott D. Anthony, Erik A. Roth
2008Disrupting Class: How Disruptive Innovation Will Change the Way the World LearnsMichael B. Horn, Curtis W. Johnson
2009The Innovator’s Prescription: A Disruptive Solution for Health CareJerome H. Grossman, Jason Hwang
2011The Innovative University: Changing the DNA of Higher Education from the Inside OutHenry J. Eyring
2011The Innovator’s DNA: Mastering the Five Skills of Disruptive InnovatorsJeff Dyer, Hal Gregersen
2012How Will You Measure Your Life?James Allworth, Karen Dillon
2014Hire Education: Mastery, Modularization, and the Workforce Revolution (Christensen Institute)Michelle R. Weise
2016Competing Against Luck: The Story of Innovation and Customer ChoiceTaddy Hall, Karen Dillon, David S. Duncan
2019The Prosperity Paradox: How Innovation Can Lift Nations Out of PovertyEfosa Ojomo, Karen Dillon

Jahre bis 2011 laut HBS-Nachruf, danach laut Institut und Impressum. Zu den Themen der Bücher siehe Bildung, Gesundheit und Jobs to be done.

Die wichtigsten Aufsätze

Hauptaufsätze in der Harvard Business Review (2018: Journal of Management Studies)
JahrAufsatzMitautoren
1995Disruptive Technologies: Catching the WaveJoseph L. Bower (Erstautor)
2000Meeting the Challenge of Disruptive ChangeMichael Overdorf
2000Will Disruptive Innovations Cure Health Care?Richard M.J. Bohmer, John Kenagy
2008Reinventing Your Business ModelMark W. Johnson (Erstautor), Henning Kagermann
2010How Will You Measure Your Life?allein
2014The Capitalist’s DilemmaDerek van Bever
2015What Is Disruptive Innovation?Michael E. Raynor, Rory McDonald
2018Disruptive Innovation: An Intellectual History and Directions for Future ResearchRory McDonald, Elizabeth J. Altman, Jonathan E. Palmer
2019Cracking Frontier MarketsEfosa Ojomo, Karen Dillon

Marktschaffende Innovation

Marktschaffende Innovation (market-creating innovation) ist kein Unterfall der Disruption, sondern beantwortet eine andere Frage: welche Innovationen Wachstum und Arbeitsplätze schaffen. 2014 teilten Christensen und Derek van Bever Innovationen deshalb nach ihrer Wirkung ein: in leistungssteigernde, Effizienz- und marktschaffende Innovationen (siehe Innovationsarten). Marktschaffende verwandeln komplizierte oder teure Produkte so stark, dass eine neue Klasse von Kunden entsteht, und schaffen anders als Effizienzinnovationen Arbeitsplätze.[10]

2019 führte er den Gedanken mit Efosa Ojomo und Karen Dillon in „Cracking Frontier Markets“ aus: Gemeint sind Produkte und Dienste, die unerfüllte lokale Bedürfnisse treffen, lokale Arbeitsplätze schaffen und sich schnell ausweiten lassen.[11] Das Wort „disrupt“ kommt nach unserer Textsuche im ganzen Aufsatz nicht vor.

Der ausgeführte Fall: Galanz

Alle Zahlen sind Angaben der Autoren von 2019.[11] 1992 wurden in China nur 200.000 Mikrowellen verkauft, zu durchschnittlich etwa 3.000 Yuan (rund 500 Dollar), bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 366 Dollar. Der Unternehmer Liang Zhaoxian baute mit Galanz ein Geschäftsmodell, das diesen Markt erst schaffen sollte. Während die meisten chinesischen Mikrowellenhersteller Mitte der 1990er zu etwa 40 % ausgelastet waren, liefen die Werke von Galanz rund um die Uhr. Statt im Fernsehen warb Galanz in Zeitungen und erklärte dort, wie man eine Mikrowelle benutzt; die ersten Geräte kosteten etwa 1.500 Yuan, halb so viel wie die meisten anderen. 1993 hatte die Firma 20 Beschäftigte, beim Erscheinen des Aufsatzes über 50.000, und fast die Hälfte der weltweit verkauften Mikrowellen stammte von ihr. Die Technik hatte Galanz anfangs von anderen Herstellern übernommen; neu war das Geschäftsmodell. Die Firma sei „patient in terms of growth but impatient for profits“ gewesen, geduldig beim Wachstum, ungeduldig beim Gewinn.

Nebenbeispiele: M-PESA und Indomie

Das mobile Geld M-PESA erwähnt der Aufsatz nur nebenbei: Safaricom habe damit einen Markt für Menschen ohne Bankkonto geschaffen, in weniger als einem Jahrzehnt hätten mehr als 20 Millionen Kenianer M-PESA übernommen.[11] Ein Blogbeitrag des Christensen Institute von 2018 nennt M-Pesa eine marktschaffende Innovation[12], auf seiner Theorieseite wählt das Institut aber die Instantnudeln Indomie von Tolaram in Nigeria.[13] Nach unserer Einordnung überschneidet sich das Konzept mit dem New-Market-Einstieg, misst aber die Wirkung auf Wachstum und Arbeit, nicht den Weg gegen Etablierte. Ob Galanz nach den Kriterien von 2015 disruptiv war, prüfen die Autoren nicht.

„How Will You Measure Your Life?“

Der Abschlussjahrgang der HBS wollte laut Herausgebernotiz von Christensen wissen, wie man seine Prinzipien nicht im Beruf, sondern im eigenen Leben anwendet.[14] Daraus wurde der HBR-Aufsatz vom Juli/August 2010, laut HBS ausgezeichnet mit dem McKinsey Award für den besten Artikel des Jahres.[1] 2012 folgte das gleichnamige Buch.

Im Aufsatz steht auch die Anekdote, die er später mehrfach erzählte: Noch vor dem Buch habe ihn Andrew Grove, damals Chairman von Intel, angerufen. Christensen erzählte von den Ministahlwerken, die mit Betonstahl am untersten Ende des Markts begannen, und Grove zog selbst den Schluss, der zum Celeron-Prozessor führte.[14] Wie gut die Erinnerung trägt, prüft die Fallseite Intel und ARM. Intel selbst schrieb im Geschäftsbericht für 1998, die steigende Nachfrage nach billigen PCs habe die Firma „caught off guard“, also überrumpelt.[15]

Innosight und das Christensen Institute

Drei Organisationen berufen sich auf ihn, alle drei hat er mitgegründet. Die Strategieberatung Innosight gründete er laut deren Darstellung 2000 mit Mark Johnson[2]; heute ist sie nach eigener Angabe die Strategie- und Betriebssparte von Huron.[16] Rose Park Advisors, eine Firma, die in disruptive Unternehmen investiert, gründete er laut Innosight 2007.[2] Ebenfalls 2007 entstand mit ihm das Innosight Institute, heute Clayton Christensen Institute for Disruptive Innovation, eine gemeinnützige Forschungsorganisation für Bildung, Gesundheit, globalen Wohlstand und neue Branchen.[17] Was diese drei über seine Theorie sagen, ist eine Stimme aus seinem Umfeld, keine unabhängige Bestätigung.

Wirkung und Widerspruch

Thinkers50 setzte ihn 2011 und 2013 auf Platz 1 seiner Rangliste und nahm ihn 2019 in seine Hall of Fame auf.[3] Den losen Gebrauch seines Begriffs beklagte er selbst: Er habe nie gedacht, dass Leute die Idee verdrehen würden, „to justify whatever they wanted to do in the first place“, um zu rechtfertigen, was sie ohnehin vorhatten (2014, zitiert nach MIT Sloan Management Review).[18] Auch Fehlprognosen gehören zum Werk: 2007 sagte er, die Theorie sage dem iPhone keinen Erfolg voraus (zitiert nach Stratechery)[19]; 2015 ordneten er und seine Koautoren es im Smartphone-Markt als erhaltend ein, mehr unter iPhone.[9] Die Einwände von Jill Lepore und anderen stehen unter Kritik.

Was ihm zugeschrieben wird, aber nicht von ihm stammt

Erzählt wird

Der Begriff stammt aus dem Buch „The Innovator’s Dilemma“ von 1997. So steht es sogar im Nachruf der HBS: „first introduced … in his seminal book“.[1]

Belegt ist

Die Unterscheidung „Sustaining vs. Disruptive“ steht schon im Business History Review vom Winter 1993, dort auch die Wendung „disruptive innovations in architectural technologies“.[6] Für ein breites Publikum erschien das Konzept 1995 in der HBR.[7] Die Angabe des Christensen Institute, der Begriff sei Anfang der 1990er geprägt worden („Coined in the early 1990s“), passt dazu.[13]

Erzählt wird

Christensen habe sein Institut gegründet. Der Nachruf der HBS spricht von „The non-profit research institute he founded“.[1]

Belegt ist

Laut Institut waren es 2007 drei Gründer: Christensen, Michael B. Horn und Jason Hwang, zunächst unter dem Namen Innosight Institute.[17]

„Disrupt or be disrupted“ ist nicht sein Rat: Christensen, Raynor und McDonald nennen das Mantra 2015 irreführend.[9] Das Henry Ford zugeschriebene Zitat von den schnelleren Pferden ist für Ford nicht belegt (die früheste Verbindung stammt laut Quote Investigator von 1999, Ford starb 1947)[20] und hat mit Christensen nichts zu tun.

Quellen

  1. Harvard Business School: Nachruf auf Clayton M. Christensen (Pressemitteilung), Januar 2020. https://www.hbs.edu/news/releases/Pages/clayton-christensen-obituary.aspx
  2. Innosight (Huron): „Clayton Christensen, Co-Founder“, Biografie, abgerufen am 11.10.2026 (Firmenbiografie). https://www.huronconsultinggroup.com/en/our-experts/christensen-clayton-m
  3. Thinkers50: Biografie „Clayton Christensen 1952–2020“, abgerufen am 11.10.2026. https://thinkers50.com/biographies/clayton-christensen/
  4. Wikipedia (englisch): „Clayton Christensen“, abgerufen am 08.10.2026 (Sekundärquelle). https://en.wikipedia.org/wiki/Clayton_Christensen
  5. Boston.com, Nachruf vom 25.01.2020 (Sekundärquelle, nur Auszug gelesen). https://www.boston.com/news/local-news/2020/01/25/clayton-christensen-renowned-harvard-business-school-professor-dies-at-67/
  6. Clayton M. Christensen: „The Rigid Disk Drive Industry: A History of Commercial and Technological Turbulence“, Business History Review 67 (Winter 1993), S. 531–588. https://www.cambridge.org/core/journals/business-history-review/article/rigid-disk-drive-industry-a-history-of-commercial-and-technological-turbulence/CF54257C79F0FC3F34D2A7104F640A84
  7. Joseph L. Bower, Clayton M. Christensen: „Disruptive Technologies: Catching the Wave“, Harvard Business Review, Januar/Februar 1995. https://hbr.org/1995/01/disruptive-technologies-catching-the-wave
  8. Clayton M. Christensen, Rory McDonald, Elizabeth J. Altman, Jonathan E. Palmer: „Disruptive Innovation: An Intellectual History and Directions for Future Research“, Journal of Management Studies 55 (7), November 2018, S. 1043–1078, Table I und Fußnote 4. https://dash.harvard.edu/entities/publication/fec35fc0-afa7-4d18-8cd0-a9db2f64c6c3
  9. Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: „What Is Disruptive Innovation?“, Harvard Business Review, Dezember 2015. https://hbr.org/2015/12/what-is-disruptive-innovation
  10. Clayton M. Christensen, Derek van Bever: „The Capitalist’s Dilemma“, Harvard Business Review, Juni 2014. https://hbr.org/2014/06/the-capitalists-dilemma
  11. Clayton M. Christensen, Efosa Ojomo, Karen Dillon: „Cracking Frontier Markets“, Harvard Business Review, Januar/Februar 2019. https://hbr.org/2019/01/cracking-frontier-markets
  12. Katie Zandbergen: Blogbeitrag über M-Pesa, Christensen Institute, 18.12.2018. https://www.christenseninstitute.org/blog/m-pesa-a-tale-of-global-prosperity/
  13. Clayton Christensen Institute: Theorieseite „Disruptive Innovation“, abgerufen am 11.10.2026. https://www.christenseninstitute.org/theory/disruptive-innovation/
  14. Clayton M. Christensen: „How Will You Measure Your Life?“, Harvard Business Review, Juli/August 2010. https://hbr.org/2010/07/how-will-you-measure-your-life
  15. Intel Corporation: Geschäftsbericht 1998, Brief an die Aktionäre (Archivkopie). https://web.archive.org/web/20220322122615/https://www.intel.com/content/dam/doc/report/history-1998-annual-report.pdf
  16. Innosight: „About us“, abgerufen am 11.10.2026. https://www.innosight.com/about-us/
  17. Clayton Christensen Institute: „History“ und „About“, abgerufen am 11.10.2026. https://www.christenseninstitute.org/about/history/; https://www.christenseninstitute.org/about/
  18. Andrew A. King, Baljir Baatartogtokh: „How Useful Is the Theory of Disruptive Innovation?“, MIT Sloan Management Review, Fall 2015; dort zitiert: Christensen im Video-Interview mit Adi Ignatius (HBR), 27.06.2014. https://sloanreview.mit.edu/article/how-useful-is-the-theory-of-disruptive-innovation/
  19. Stratechery, 2013 (Sekundärquelle), zitiert das BusinessWeek-Interview von Jena McGregor vom 15.06.2007; Original nicht gelesen. https://stratechery.com/2013/clayton-christensen-got-wrong/
  20. Quote Investigator zum Ford zugeschriebenen Pferde-Zitat, 28.07.2011. https://quoteinvestigator.com/2011/07/28/ford-faster-horse/