Disruptive Innovation im Gesundheitswesen
Christensen und zwei Ärzte hielten das Gesundheitswesen im Jahr 2000 für „ripe for disruption“, reif für Disruption, weil Kliniken und Fachärzte die meisten Patienten überversorgten. Von zehn geprüften Fällen sind zwei laut Christensen disruptiv. Bei drei weiteren fehlt ein Neuling, der angreift, und damit die Antwort der Theorie. Eigene Beispiele prüft der Disruptions-Check.
Zehn Fälle im Überblick
Jeder Name führt zur Begründung. „Auf disruptivem Pfad“: Der Weg passt zur Theorie, die Hauptkunden der Etablierten haben noch nicht gewechselt. „Nicht einordbar“: Es fehlt ein Neuling als Angreifer. Wo keine Quelle die Kriterien von 2015 anwendet, steht das Urteil als Einordnung von disruptiv.info da.
| Innovation | Urteil | Begründung |
|---|---|---|
| 3D-Druck bei Hörgeräten | Urteil: nicht disruptiv | Laut Sandström 2016 erhaltend: Die etablierten Hersteller führten das Verfahren selbst ein, Neulinge kamen nicht hinzu. |
| Angioplastie | Urteil: disruptiv | Laut Christensen, Bohmer und Kenagy (HBR 2000) anfangs nur für die leichtesten Fälle und „much less effective than surgery“, später verdrängte sie die Bypass-Operation „in many cases“. |
| Blutzuckermessung zu Hause | Urteil: disruptiv | Laut HBR 2000 messen Diabetiker selbst, statt im Labor messen zu lassen; die Hersteller der großen Laborgeräte wurden „all driven from the market“. |
| Generikahersteller | Urteil: auf disruptivem Pfad Einordnung von disruptiv.info | Wunker, McLaughlin und Christensen sahen 2006 Generikahersteller mit „good-enough“ Medikamenten am unteren Ende, auf dem Weg nach oben. Ob es so kam, ist nicht geprüft (Stand 2006). |
| Gesundheitskiosk | Einordnung von disruptiv.info | Ein staatlich geplantes Beratungsangebot, kein Marktneuling; der Kiosk fehlte schon im Referentenentwurf vom 12.04.2024 und wurde nie Gesetz. |
| Kliniken mit festen Abläufen (Convenient Care) | Urteil: auf disruptivem Pfad | HBR 2015 nennt sie „taking a disruptive path“: standardisierte Abläufe für eine kleine, wachsende Zahl von Beschwerden statt der Hausarztpraxis als „solution shop“. |
| Kompakt-Ultraschall von GE | Einordnung von disruptiv.info | GE brachte das billigere Gerät selbst auf den Markt, über eine eigene Einheit in China (Immelt, Govindarajan, Trimble, HBR 2009). Ein Etablierter als Angreifer ist kein Fall der Theorie. |
| Rezeptfreie Hörgeräte | Einordnung von disruptiv.info | Laut Chung und Zeng (2024) seit dem 17.10.2022 in den USA ohne Rezept erhältlich. Stand Oktober 2023 verkaufen aber vier der fünf großen Hersteller selbst solche Geräte, ein Neuling als Angreifer fehlt. |
| Telemedizin | Urteil: je nach Markt | Laut Christensen Institute bisher meist erhaltend (Devonas 2015) und vor allem für eigene Patienten zum Praxispreis genutzt (Plante 2021). Disruptiv nur als eigenes, einfacheres und billigeres Angebot. |
| Tragbarer Ultraschall (Sonosite) | Urteil: auf disruptivem Pfad | Laut HBR 2000 schlechter aufgelöst als die teuren Geräte, dafür für Allgemeinärzte erschwinglich; den Aufstieg erwarteten die Autoren erst. Stand 2000. |
Christensens These: zu viel Medizin für einfache Fälle
In der Ausgabe September/Oktober 2000 der Harvard Business Review erschien „Will Disruptive Innovations Cure Health Care?“ von Clayton M. Christensen und den Ärzten Richard M.J. Bohmer und John Kenagy.[1] Ihre Diagnose:
“Our major health care institutions—medical schools, groups of specialist physicians, general hospitals, research organizations—have together overshot the level of care actually needed or used by the vast majority of patients.”
„Unsere großen Institutionen des Gesundheitswesens, also medizinische Fakultäten, Gruppen von Fachärzten, allgemeine Krankenhäuser und Forschungseinrichtungen, sind zusammen über das Maß an Versorgung hinausgeschossen, das die große Mehrheit der Patienten tatsächlich braucht oder nutzt.“Übersetzung: disruptiv.info
Den Ausweg sehen die Autoren im Muster anderer Branchen: einfachere Verfahren, mit denen weniger spezialisierte, billigere Fachkräfte an günstigeren Orten tun, was früher teuren Spezialisten vorbehalten war. Belege sind rezeptfreie Medikamente, Nurse Practitioners (Pflegefachkräfte mit erweiterten Befugnissen) und die Angioplastie. 2009, im Interview mit der Zeitschrift Managed Care zum Buch „The Innovator’s Prescription“ (mit Jerome H. Grossman und Jason Hwang), urteilte Christensen: „The reason health care remains expensive and inaccessible is that it has not yet been disrupted.“ Teuer und schwer zugänglich sei das Gesundheitswesen, weil es noch nicht disruptiert sei.[2] Das Buch selbst haben wir nicht gelesen.[3] Mehr zum Autor: Clayton M. Christensen.
Verfahren und Geräte
Angioplastie: disruptiv, mit zwei Einschränkungen
Bis Anfang der 1980er Jahre wurde die koronare Herzkrankheit laut HBR 2000 per Bypass-Operation behandelt. Die viel einfachere Angioplastie („far simpler“) weitet verengte Gefäße mit einem Ballon. Anfangs war sie „much less effective than surgery“, viel weniger wirksam als die Operation, und wurde nur bei den leichtesten Fällen eingesetzt. Dann holte sie auf:[1]
“Increasing skill and experience, together with sustaining technological innovations such as stents, have allowed angioplasty to supplant surgery in many cases.”
„Wachsendes Können und Erfahrung haben zusammen mit erhaltenden technischen Innovationen wie Stents dazu geführt, dass die Angioplastie die Operation in vielen Fällen verdrängt hat.“Übersetzung: disruptiv.info
Nach den Kriterien von 2015 passt fast alles. Bezugsmarkt (V1) ist die Bypass-Chirurgie. Einstieg bei leichten Fällen und Nichtkunden: Viele Herzkranke blieben vorher unbehandelt, weil erst starke Brustschmerzen oder Infarktgefahr eine Operation am offenen Herzen rechtfertigten (F1, F2). Anfangs schlechter (Q1), dafür einfacher (Q2), mit anderem Geschäftsmodell (Q4): eigenständige Herzzentren ohne die Gemeinkosten einer Klinik. Zu Q3 nennt die Quelle nur die Skepsis der Experten. 2009 zog Christensen Bilanz: „The cardiologists who provide angioplasty have disrupted heart surgeons who did coronary artery bypass.“ Die Kardiologen hätten die Herzchirurgen disruptiert.[2]
Zwei Einschränkungen gehören zum Urteil. Erstens greift kein kleineres Unternehmen an, wie es die Definition von 2015 beschreibt, sondern ein Verfahren und eine Berufsgruppe: Kardiologen gegen Herzchirurgen. HBR 2000 führt den Fall unter „Disruptions of Health Care Professions“, als Disruption von Gesundheitsberufen. Zweitens verdrängte die Angioplastie die Operation „in many cases“, in vielen Fällen, nicht überall. Heutige Zahlen haben wir nicht erhoben; vollzogen ist die Disruption laut Christensen. 2009 sah er schon die nächste Welle: Cholesterinsenker wie Lipitor machten die Angioplastie bei der nächsten Generation von Patienten überflüssig.[2]
Blutzuckermessung zu Hause: disruptiv
Vor 1980 bestimmten Diabetiker ihren Blutzucker laut HBR 2000 nur indirekt, mit einem oft ungenauen Urintest, oder ließen beim Arzt Blut abnehmen und im teuren Labor messen. Im Jahr 2000 trugen sie kleine Messgeräte bei sich und steuerten die meisten Aspekte ihrer Krankheit selbst. Die Hersteller der großen Laborgeräte wurden „all driven from the market“, alle vom Markt verdrängt.[1] Bezugsmarkt ist die Labormessung, der Einstieg lag beim Patienten selbst (F2), der Mainstream hat gewechselt (P2). Ob die ersten Geräte schlechter maßen (Q1) und wer sie baute, sagt die Quelle nicht.
Tragbarer Ultraschall (Sonosite): auf disruptivem Pfad
Christensens Beispiel ist Sonosite aus der Gegend von Seattle, Hersteller eines kleinen, tragbaren und günstigen Ultraschallgeräts. „The machine is good, but it is disruptive“, gut, aber disruptiv: Ihm fehlten die Analysefunktionen und die Auflösung teurer Geräte (Q1), dafür könnten Allgemeinärzte damit schneller und genauer diagnostizieren (F2, Q2). Dass die tragbaren Geräte die teuren auch in deren angestammten Anwendungen verdrängen (P1), erwarteten die Autoren erst.[1] Das Urteil gilt für 2000; was danach aus Sonosite wurde, ist nicht geprüft.
Kompakt-Ultraschall von GE: nicht einordbar
Erzählt wird
Christensens Ultraschall-Beispiel sei GE; der Aufsatz „How GE Is Disrupting Itself“ sage es schon im Titel.
2002 brachte GE ein erstes Kompaktgerät aus Laptop und Software ab 30.000 Dollar, Ende 2007 ein Modell ab 15.000 Dollar, weniger als 15 Prozent des Preises der GE-Spitzengeräte. Es leistete weniger, war aber in ländlichen Kliniken für einfache Untersuchungen ein Erfolg.[6] Der Weg passt zur Theorie, der Angreifer nicht: Es ist der Etablierte selbst, mit einer eigenen, unabhängigen Einheit im chinesischen Wuxi, so wie HBR 2015 es Etablierten rät (siehe Etablierte Unternehmen). Als Motiv nennen die Autoren neben dem Wachstum außerhalb der Spitzensegmente die Abwehr lokaler Herausforderer aus China und Indien. Die Theorie handelt aber von einem kleineren Neuling. Nach unserer Einordnung ist der Fall deshalb nicht einordbar.
Neue Orte der Versorgung
Kliniken mit festen Abläufen: auf disruptivem Pfad
Diesen Fall ordnet HBR 2015 selbst ein. Die Hausarztpraxis, in der Ärzte Symptome aus Erfahrung und Testergebnissen deuten, nennen die Autoren ein Geschäftsmodell vom Typ „solution shop“ (Lösungswerkstatt). Dagegen:[5]
“In contrast, a number of convenient care clinics are taking a disruptive path by using what we call a ‘process’ business model: They follow standardized protocols to diagnose and treat a small but increasing number of disorders.”
„Dagegen nehmen einige Kliniken für einfache Beschwerden einen disruptiven Weg, indem sie ein Geschäftsmodell nutzen, das wir ‚Prozess‘ nennen: Sie folgen standardisierten Protokollen, um eine kleine, aber wachsende Zahl von Beschwerden zu diagnostizieren und zu behandeln.“Übersetzung: disruptiv.info
Einstieg bei einfachen Beschwerden (F1), ein anderes Geschäftsmodell (Q4), wachsendes Spektrum (P1); die Hauptkunden der Praxen haben nicht gewechselt (P2). Jessica Plante vom Christensen Institute beschreibt 2021 die Minute Clinic von CVS: ohne Termin, in 15 Minuten wieder draußen, Festpreise unter dem Praxisdurchschnitt (Q2).[7] Laut Christensen (2009) behandeln solche Kliniken einfache Leiden so gut wie die Praxis und oft besser, zu etwa 40 Prozent niedrigeren Kosten; die Zahl ist nicht geprüft. Die Ärzte bekämpften sie politisch.[2]
Telemedizin: je nach Markt
Ein Beitrag des Christensen Institute von 2015 heißt „How telemedicine disrupts health care“ und urteilt doch:
“Most of the successful applications of telemedicine to date haven’t been disruptive, but sustaining.”
„Die meisten erfolgreichen Anwendungen der Telemedizin waren bisher nicht disruptiv, sondern erhaltend.“Übersetzung: disruptiv.info
Devonas nennt Teleradiologie und Telepathologie: margenstarke Klinikleistungen ohne direkten Patientenkontakt, mit der alten Kostenstruktur.[8] Jessica Plante antwortete 2021 im Titel: „It depends.“ Es kommt darauf an. Bisher hätten Praxen die Technik vor allem für ihre eigenen Patienten zum üblichen Praxispreis genutzt; so verbessere sie nur den Status quo und schaffe kein einfacheres, billigeres Modell. Als Gegenbeispiel nennt sie den Onlinedienst FirstDerm, ab 30 Dollar statt 150 Dollar für den Praxisbesuch (Stand 2021).[7] Daher „je nach Markt“: erhaltend, wo Praxen ihre Patienten bequemer versorgen, disruptiv nur als eigenes, einfacheres und billigeres Angebot. Den Stempel haben wir zugeordnet, die Begründung stammt vom Institut.
Medikamente und Hörgeräte
Generikahersteller: auf disruptivem Pfad (Stand 2006)
2006 schrieben Steve Wunker, Charles McLaughlin und Clayton Christensen in Pharmaceutical Executive, die Generikahersteller würden „like low-cost producers in any industry“, wie Billiganbieter jeder Branche, mit eigenen, profitableren Wirkstoffen nach oben drängen.[9] Wie Toyota, das in den USA mit dem einfachen Corona begann, böten Teva, Raxbury und Dr. Reddy’s zuerst „good-enough“ Medikamente, gut genug für verbreitete Leiden. Das spricht für Einstieg unten und beginnenden Aufstieg (F1, P1). Offen bleibt Q1, denn ein Generikum ist wirkstoffgleich mit dem Original. Das Urteil gilt daher den Herstellern, nicht dem Präparat: Einordnung von disruptiv.info, Stand 2006. Ob der Aufstieg gelang, ist nicht geprüft.
Rezeptfreie Hörgeräte: nicht einordbar
Seit dem 17.10.2022 dürfen Erwachsene in den USA bei selbst empfundener leichter bis mittlerer Schwerhörigkeit Hörgeräte ohne Rezept und ohne Hörtest kaufen, laut King Chung und Fan-Gang Zeng (2024).[10] Ein Einstieg für Neulinge, auf dem Papier. Stand Oktober 2023 verkauften aber vier der fünf großen Hersteller selbst solche Geräte, der Markt sei „dominated by the traditional hearing aid manufacturers, without apparent disruptors from consumer electronics or startup companies“: beherrscht von den Traditionsherstellern, ohne erkennbare Disruptoren aus Elektronik oder Start-ups. Bose, das als erstes Unternehmen ein rezeptfreies Hörgerät verkaufte, stieg wieder aus.[10]
Wie bei GE fehlt der Neuling. Nach unserer Einordnung ist der Fall deshalb nicht einordbar, und nicht etwa erhaltend: Ob doch noch ein Angreifer kommt, zeigt eine Momentaufnahme von 2023 nicht. Christensen und sein Institut haben sich dazu nach unserer Recherche nicht geäußert.
3D-Druck bei Hörgeräten: nicht disruptiv
Erzählt wird
3D-Druck hat die Hörgerätebranche disruptiert, kein Hersteller, der beim alten Verfahren blieb, hat überlebt. So schrieb es D’Aveni 2015 in der Harvard Business Review über die US-Branche, nach Aussage eines ungenannten Branchenchefs.[11]
Belegt ist
Laut Sandström führten die etablierten Hersteller das Verfahren selbst ein, Neulinge kamen nicht hinzu. Sein Urteil: „not a disruptive technology, but rather a sustaining one“, keine disruptive, sondern eine erhaltende Technologie.[12]
Dasselbe Muster wie bei den rezeptfreien Geräten, nur früher. Die ganze Prüfung steht unter Disruptive Technologien im Check.
Warum es so langsam geht: Etablierte und Regulierung
Die Bremsen sitzen laut HBR 2000 in den Institutionen. Ein tragbares Röntgengerät zu 10 Prozent der Kosten eines herkömmlichen Röntgengeräts wollten die großen Hersteller nicht, „Because it threatened their business models“, weil es ihre Geschäftsmodelle bedrohte. Nurse Practitioners würden in vielen Bundesstaaten am Diagnostizieren und Verschreiben gehindert, nach Vermutung der Autoren, weil die Ärzte ihre Vormachtstellung wahren wollten. Zugleich warnen die Autoren: Würden Ärzte oder Patienten gezwungen, billigere Technik zu nutzen, „disaster will result“, folge eine Katastrophe. Nach unserer Lesart heißt Disruption bei ihnen Wahlfreiheit, nicht Sparzwang. Umbauen lasse sich das Gesundheitswesen nur durch neue Institutionen, nicht durch die mühsame Verwandlung alter.[1]
Deutschland: Fernbehandlung und Gesundheitskiosk
Zur Fernbehandlung und zum Gesundheitskiosk haben sich Christensen und sein Institut nach unserer Recherche nicht geäußert. Zwei Entscheidungen berühren aber die Frage von HBR 2000: wer wo behandeln darf.
Fernbehandlung: eine Regel, kein Angreifer
Der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt hat im Mai 2018 § 7 Abs. 4 der Musterberufsordnung (MBO-Ä) neu gefasst.[13] Ärztinnen und Ärzte behandeln demnach weiter „im persönlichen Kontakt“; eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist aber „im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist“ und Sorgfalt und Aufklärung gewahrt sind.
Erzählt wird
In Deutschland galt bis 2018 ein Fernbehandlungsverbot.
Die MBO-Ä ist nur ein Muster für die Kammern. Nach unserer Einordnung ist die Neufassung keine Innovation, sondern eine Regel, die einen Weg öffnet, wie die FDA-Regel bei den Hörgeräten. Deutsche Telemedizin-Anbieter haben wir nicht erhoben, deshalb steht hier kein Urteil.
Gesundheitskiosk: nicht einordbar
Laut Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums vom 31.08.2022 stellte Lauterbach beim Besuch des Gesundheitskiosks Hamburg Billstedt Eckpunkte vor: langfristig 1.000 Kioske, einer pro 80.000 Einwohner, geleitet von examinierten Pflegefachkräften. Sie sollten niedrigschwellig beraten und, ärztlich veranlasst, Routineaufgaben übernehmen, etwa Blutdruck messen. Zahlen sollten die gesetzliche Krankenversicherung 74,5 Prozent, die private Krankenversicherung 5,5 Prozent und die Kommunen 20 Prozent.[16]
Laut Ärzteblatt fehlte der Kiosk schon im Referentenentwurf vom 12.04.2024, „komplett gestrichen“; ärztliche Verbände hatten teure Doppelstrukturen befürchtet.[17] Das Gesetz, das daraus wurde (GVSG), trat am 01.03.2025 ohne ihn in Kraft.[18] Im Bundestag stand er nie zur Abstimmung. Der Kiosk folgt Christensens Muster, war aber ein staatlich geplantes Angebot, kein Neuling im Markt. Nach unserer Einordnung ist er nicht einordbar.
Was die Fälle zeigen
Jill Lepore hielt Christensen 2014 entgegen: „People aren’t disk drives.“ Menschen seien keine Festplatten, Krankenhäuser keine Industrien wie Festplattenhersteller.[4] Nach unserer Einordnung trifft der Einwand hier einen Punkt: Oft greifen keine kleineren Firmen an, sondern Berufsgruppen, Etablierte selbst oder der Staat. Im Disruptions-Check gilt deshalb zuerst: Wer genau fordert wen heraus? Erst danach zählt, ob der Einstieg am unteren Ende oder bei Nichtkunden liegt.
Quellen
- Clayton M. Christensen, Richard M.J. Bohmer, John Kenagy: „Will Disruptive Innovations Cure Health Care?“, Harvard Business Review, September/Oktober 2000. https://hbr.org/2000/09/will-disruptive-innovations-cure-health-care
- Clayton M. Christensen im Gespräch mit John Marcille, Managed Care, Januar 2009. Archivkopie; die ursprüngliche Adresse zeigt heute eine andere Seite. https://web.archive.org/web/2010id_/http://www.managedcaremag.com/archives/0901/0901.qna_christensen.html
- Clayton M. Christensen, Jerome H. Grossman, Jason Hwang: „The Innovator’s Prescription: A Disruptive Solution for Health Care“, 2009. Nur bibliografisch geprüft, nicht gelesen. https://www.christenseninstitute.org/book/the-innovators-prescription/
- Jill Lepore: „The Disruption Machine“, The New Yorker, Ausgabe vom 23.06.2014 (online 16.06.2014). https://www.newyorker.com/magazine/2014/06/23/the-disruption-machine
- Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: „What Is Disruptive Innovation?“, Harvard Business Review, Dezember 2015. https://hbr.org/2015/12/what-is-disruptive-innovation
- Jeffrey R. Immelt, Vijay Govindarajan, Chris Trimble: „How GE Is Disrupting Itself“, Harvard Business Review, Oktober 2009. https://hbr.org/2009/10/how-ge-is-disrupting-itself
- Jessica Plante: „Can telehealth disrupt traditional models of healthcare? It depends.“, Christensen Institute, Blog, 12.08.2021. https://www.christenseninstitute.org/blog/can-telehealth-disrupt-traditional-models-of-healthcare-it-depends/
- Michael Devonas: „How telemedicine disrupts health care“, Christensen Institute, Blog, 05.05.2015. https://www.christenseninstitute.org/blog/how-telemedicine-disrupts-health-care/
- Steve Wunker, Charles McLaughlin, Clayton Christensen: „The Road to Nowhere?“, Pharmaceutical Executive, 01.04.2006. https://www.pharmexec.com/view/road-nowhere
- King Chung, Fan-Gang Zeng: „Over-the-counter hearing aids: implementations and opportunities“, Frontiers in Audiology and Otology 2:1347437, 11.03.2024. https://www.frontiersin.org/journals/audiology-and-otology/articles/10.3389/fauot.2024.1347437/full
- D’Aveni: „The 3-D Printing Revolution“, Harvard Business Review, Mai 2015. https://hbr.org/2015/05/the-3-d-printing-revolution
- Christian G. Sandström: „The non-disruptive emergence of an ecosystem for 3D Printing: Insights from the hearing aid industry’s transition 1989–2008“, Technological Forecasting & Social Change 102 (2016), S. 160–168. Autoren-PDF: https://disruptiveinnovation.se/wp-content/uploads/3dprintingsandstrom.pdf
- Bundesärztekammer: 121. Deutscher Ärztetag, Erfurt, 08.–11.05.2018, Beschlussprotokoll (Auszug), TOP IV, Neufassung von § 7 Abs. 4 MBO-Ä. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Digitalisierung/121_Beschlussprotokoll_Auszug_FBV.pdf
- Bundesärztekammer: Hinweise und Erläuterungen zu § 7 Abs. 4 MBO-Ä (Fernbehandlung), Stand 22.03.2019. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/_old-files/downloads/pdf-Ordner/Recht/HinweiseErlaeuterungenFernbehandlung.pdf
- Bundesärztekammer: Themenseite Telemedizin und Fernbehandlung, abgerufen am 11.10.2026. https://www.bundesaerztekammer.de/themen/aerzte/digitalisierung/telemedizin-fernbehandlung
- Bundesministerium für Gesundheit: Pressemitteilung zu den Eckpunkten für Gesundheitskioske, 31.08.2022. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierung-plant-gesundheitskioske-deutschlandweit-lauterbach-praesentiert-eckpunkte-fuer-gesetzesinitiative
- Deutsches Ärzteblatt, Meldung vom 14.04.2024 zur Streichung von Gesundheitskiosken, Gesundheitsregionen und Primärversorgungszentren aus dem Gesetzentwurf (Sekundärquelle). https://www.aerzteblatt.de/news/gesundheitskioske-gesundheitsregionen-und-primaerversorgungszentren-aus-gesetzentwurf-gestrichen-c0583d2d-a258-4483-8037-0ba59756bf4e
- Bundesministerium für Gesundheit: Seite zum GVSG (Verfahren und Inkrafttreten), abgerufen am 11.10.2026. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/gvsg