Beispiele

Disruptive Innovation: Beispiele und Gegenbeispiele

Viele Listen zu disruptiver Innovation zählen Beispiele auf, ohne sie zu prüfen. Hier hat jeder Fall ein Urteil und die Quelle, auf der es beruht: disruptiv, nicht disruptiv, umstritten oder je nach Markt. Maßstab ist die Definition von Christensen, Raynor und McDonald aus dem Jahr 2015, erklärt auf der Seite Disruptive Innovation.

Zehn Fälle mit Urteil

Technik und Medien

Netflix

Netflix und Blockbuster

Das erste Angebot sprach die meisten Blockbuster-Kunden nicht an. Erreicht hat Netflix sie später über das Streaming.

Urteil: disruptiv

Digital­foto­grafie

Kodak und die Digitalfotografie

Oft als Lehrstück zitiert. Ob der Fall Kodak den Kriterien der Theorie genügt, ist umstritten.

Urteil: umstritten

iPhone

Das iPhone: erhaltend und disruptiv zugleich

Im Smartphone-Markt erhaltend, gegenüber dem Laptop als Zugang zum Internet disruptiv. Das Urteil hängt am Bezugsmarkt.

Urteil: je nach Markt

KI

Ist KI disruptiv?

Nicht an sich, schreibt das Christensen Institute. Die großen Konzerne nutzen KI vor allem erhaltend, ob sie anderswo disruptiv wirkt, hängt am Markt.

Urteil: je nach Markt

Zeitungen

Zeitungen und das Netz

Kleinanzeigen, Nachrichtenportale, Gratiszeitungen: drei Angriffe auf die Zeitungen mit drei verschiedenen Urteilen. Köln zeigt, was passiert, wenn Verlage sich wehren.

Urteil: je nach Markt

Wikipedia

Wikipedia gegen Brockhaus

Ein kostenloses Lexikon, das ein Sprecher des Brockhaus-Verlags 2005 laut heise für „beileibe nicht“ verlässlich hielt. 2013 kündigte Bertelsmann laut Spiegel das Ende seines Lexikongeschäfts an.

Urteil: disruptiv

Mobilität und Energie

Uber

Uber: warum nicht disruptiv

Nach Christensen, Raynor und McDonald keine Disruption: Uber startete im gut versorgten Hauptmarkt.

Urteil: nicht disruptiv

Tesla

Tesla: warum nicht disruptiv

Tesla stieg am oberen Ende des Automarkts ein. Nach der Theorie ist das kein disruptiver Weg.

Urteil: nicht disruptiv

Handel und Finanzen

Discounter

Discounter gegen die Vollsortimenter

Discounter sind Christensens eigenes Beispiel für Low-End-Disruption. Eine Äußerung von ihm zu Aldi und Lidl fanden wir nicht, nach den Kriterien passt der deutsche Fall trotzdem, mit einer Besonderheit.

Urteil: disruptiv

Klassiker der Theorie

Mini­stahl­werke

Ministahlwerke gegen integrierte Hütten

Christensens Beispiel für Low-End-Disruption: Einstieg am unteren Ende des Stahlmarkts.

Urteil: disruptiv

Theorie

Low-End und New-Market

Die zwei Einstiege, von denen jede disruptive Innovation ausgeht, und was stattdessen erhaltend ist.

Werkzeug

Disruptions-Check

Frage für Frage prüfen, ob ein Angebot nach den Kriterien von 2015 disruptiv ist.

Woran man die Einordnung prüft

Ein Urteil braucht zuerst einen Bezugsmarkt: Wen genau fordert das Angebot heraus? Ohne diese Angabe lässt sich nichts prüfen, denn dasselbe Produkt kann gegenüber dem einen Etablierten erhaltend und gegenüber einem anderen disruptiv sein. Danach zählen die Kriterien, die Christensen, Raynor und McDonald 2015 in der Harvard Business Review festgehalten haben:

  1. Einstieg unten oder bei Nichtkunden. Jede disruptive Innovation beginnt nach dieser Definition an einem von zwei Footholds (Einstiegspunkten): am unteren Ende eines Markts, dessen Angebot manche Kunden überversorgt, oder bei Nichtkunden, die bisher ganz verzichtet haben.
  2. Anfangs unterlegen. Die meisten Kunden der Etablierten halten das neue Angebot zunächst für schlechter, gemessen an dem, was ihnen wichtig ist.
  3. Schwache Gegenwehr. Die Etablierten verfolgen höhere Margen bei anspruchsvolleren Kunden und reagieren auf den Neuling kaum.
  4. Aufstieg. Der Neuling wird besser, bis er liefert, was der Hauptmarkt verlangt, ohne die Vorteile aufzugeben, mit denen er angefangen hat.
  5. Übernahme durch den Hauptmarkt. Erst wenn die Mainstream-Kunden das Angebot in großer Zahl annehmen, ist die Disruption vollzogen.

Was nicht zählt, ist Erfolg. „success is not built into the definition of disruption“, schreiben die Autoren: Erfolg gehört nicht zur Definition. Ein disruptiver Weg kann scheitern, und ein erfolgreicher Neuling kann einen ganz anderen Weg genommen haben. Die Urteile auf den Karten oben stützen sich deshalb nicht auf Erfolg, sondern auf eine genannte Quelle, meist auf Christensen selbst. Wo eine Einordnung von disruptiv.info stammt, steht das auf der jeweiligen Fallseite. Ein eigenes Beispiel lässt sich im Disruptions-Check Frage für Frage prüfen; die beiden Einstiege erklärt die Seite zu Low-End und New-Market.

Häufig falsch eingeordnet

Uber steht auf vielen Beispiellisten ganz oben. Christensen, Raynor und McDonald verneinen ausdrücklich, dass Uber das Taxigeschäft disruptiert: „According to the theory, the answer is no.“ Nach der Theorie lautet die Antwort also nein. Uber startete in San Francisco, einem gut versorgten Taxi-Markt, und baute zuerst eine Position im Hauptmarkt auf. Das ist die umgekehrte Richtung: kein Einstieg am unteren Ende, kein Einstieg bei Nichtkunden. Die Autoren nennen Uber einen Ausreißer („outlier“), bei dem die Regulierung des Taxigewerbes einen großen Teil der Erklärung liefere. Die Begründung im Einzelnen steht auf der Seite Uber.

Tesla ist nach HBR 2015 ebenfalls kein Fall disruptiver Innovation. Das Unternehmen stieg am oberen Ende des Automarkts ein, bei Kunden, die 70.000 Dollar oder mehr für ein Auto ausgeben. Für einen solchen Neuling sagte die Theorie nach dem Stand von 2015 entweder die Übernahme durch einen viel größeren Etablierten voraus oder einen jahrelangen, harten Kampf um Bedeutung im Markt. Was daraus wurde, steht auf der Seite Tesla.

Auch das iPhone wird oft als Disruption der Handyhersteller zitiert. Nach HBR 2015 war es 2007 im Smartphone-Markt eine erhaltende Innovation; disruptiv wirkte es erst gegenüber dem Laptop als wichtigstem Zugang zum Internet. Das Urteil hängt am Bezugsmarkt, mehr dazu auf der Seite iPhone.

Grundsätzlicher ist ein anderer Fehler. Er betrifft ganze Technologien: KI oder 3D-Druck gelten oft schon an sich als disruptiv. Die Autoren halten dagegen:

“It is rare that a technology or product is inherently sustaining or disruptive.”

„Es ist selten, dass eine Technologie oder ein Produkt an sich erhaltend oder disruptiv ist.“Übersetzung: disruptiv.info

Clayton M. Christensen, Michael E. Raynor, Rory McDonald: What Is Disruptive Innovation?, Harvard Business Review, Dezember 2015

Ob eine Technologie disruptiv wirkt, entscheiden das Geschäftsmodell und der Weg, den ein Anbieter damit gegenüber bestimmten Etablierten nimmt. Nutzt ein Etablierter dieselbe Technik, um seine besten Kunden noch besser zu bedienen, ist sie erhaltend. Wer „KI ist disruptiv“ sagt, hat deshalb noch nichts geprüft. Wie die Prüfung für KI ausfällt, zeigt die Seite Ist KI disruptiv?, weitere Technologien mit Urteil sammelt Technologien im Check.

Weitere Beispiele aus der Theorie

Bower und Christensen eröffnen ihren Artikel von 1995 mit einer Reihe von Fällen, in denen führende Unternehmen den Anschluss verloren: Goodyear und Firestone kamen spät zu Radialreifen. Xerox ließ Canon den Markt für kleine Kopierer aufbauen („Xerox let Canon create the small-copier market“). Bucyrus-Erie überließ Caterpillar und Deere den Baggermarkt („mechanical excavator market“), nachdem die eigenen Kunden die ersten Hydraulikbagger als zu klein und zu schwach abgelehnt hatten, Sears musste Walmart weichen („Sears gave way to Walmart“). IBM verpasste die Minicomputer, und Digital Equipment (DEC), führend bei Minicomputern, verpasste den Markt für Personal Computer nach den Worten der Autoren „almost completely“, also fast vollständig. HBR 2015 nennt den PC und das Transistor-Taschenradio als Beispiele für New-Market-Disruption: Die Hersteller von Tischradios beachteten die kleinen Geräte kaum, weil sie sich an Nichtkunden richteten. Sony brachte 1955 nach eigener Angabe „Japan’s first transistor radio“ auf den Markt, Japans erstes Transistorradio, den TR-55; das erste der Welt beansprucht Sony dafür nicht. Den Handel behandelt die Seite zu den Discountern, zu den übrigen Beispielen gibt es noch keine eigenen Fallseiten. Den Fall der Festplatten, aus dem die Theorie hervorging, behandelt die Seite zum Innovator’s Dilemma.